
Petra ist 52. Wenn man sie fragt, wie sie das alles schafft, lächelt sie kurz und sagt: „Ach, man macht halt.“
Und „man“ meint in ihrem Fall: Petra. Petra macht. Petra regelt. Petra erinnert sich.
Sie weiß, wer wann Geburtstag hat (inklusive der Menschen, die sie nur „vom Sehen“ kennt), wer keine Nüsse verträgt, wer Hafermilch will und wann beim Auto die nächste Inspektion fällig ist.
Sie weiß sogar, dass der Nachbarshund Angst vor Gewitter hat. Was Petra weniger zuverlässig weiß: wann sie zuletzt in Ruhe gegessen hat, ohne nebenbei eine Liste im Kopf abzuhaken.
Morgens steht sie auf, bevor der Rest des Hauses wach ist. Kaffee, Brotdosen, ein Blick auf den Kalender – der Kalender blickt zurück wie ein strenger Chef. Im Büro ist sie die, die den Überblick behält, die Termine rettet, die freundlich bleibt, auch wenn es eng wird. Nachmittags organisiert sie Arztfahrten für ihre Eltern, beantwortet Nachrichten, denkt an Geburtstage, fängt Stimmungen auf. Wenn jemand ausfällt, springt Petra ein. Wenn etwas fehlt, hat Petra es im Kopf.
Sie ist erreichbar. Sie ist verlässlich. Sie ist die, auf die man sich „zum Glück“ verlassen kann. Dieses „zum Glück“ klingt nett – und fühlt sich manchmal an wie ein offizieller Titel: Petra, zuständig für alles, was sonst niemand zuständig sein will.
Es ist fast absurd: Je besser sie funktioniert, desto weniger fällt auf, dass sie überhaupt funktioniert. Wie ein WLAN-Router. Man merkt ihn erst, wenn er aus ist.
Und Petra? Die ist so gut im Funktionieren, dass es ihr Superpower geworden ist – und gleichzeitig ihr Gefängnis. Denn Superheldinnen haben selten Feierabend. Und wenn doch, nutzen sie ihn oft, um noch schnell die Spülmaschine zu optimieren.
An einem Dienstagmorgen sitzt sie im Auto, noch bevor sie den Motor startet. Es ist kühl, die Scheiben sind leicht beschlagen. Auf dem Beifahrersitz liegt ihre Tasche, ordentlich gepackt, wie immer – so ordentlich, dass sie wirkt, als hätte sie sich selbst gepackt. Pflaster? Natürlich. Ladekabel? Zwei. Taschentücher? Eine ganze kleine Zivilisation. Die Tasche liegt da und strahlt diese stille Überlegenheit aus, als wolle sie sagen: „Keine Sorge, Petra. Ich bin vorbereitet. Du… na ja.“
Das Radio bleibt aus. Nicht, weil Petra es bewusst so entschieden hätte – eher, weil sogar das Radio spürt, dass es jetzt wirklich unhöflich wäre, mit Verkehrsmeldungen dazwischenzugehen. Für einen Moment ist es still genug, dass sie ihren eigenen Atem hört.
Und plötzlich trifft sie ein Gedanke, so schlicht, dass er fast wehtut: Sie kann sich nicht erinnern, wann zuletzt jemand gefragt hat: „Wie geht es dir wirklich?“
Nicht „Schaffst du das?“ Nicht „Kannst du kurz…?“ Nicht „Du bist doch immer so organisiert…“ Sondern: Wie geht es dir?
Sie merkt im selben Moment: Selbst wenn es jemand fragen würde – sie wüsste nicht, was sie antworten soll. Und das ist der Moment, in dem ihr innerer Kommentar kurz trocken wird: Herzlichen Glückwunsch, Petra. Du kannst drei Haushalte managen, aber keine einfache Gefühlsfrage beantworten.
Nicht, weil es ihr „schlecht“ geht. Sondern weil da… nichts Greifbares ist. Als hätte sie sich irgendwo zwischen To-do-Listen, Fürsorge und „Ich mach das schnell noch“ leise aus dem Bild geschoben.
Sie hat alles richtig gemacht, denkt sie. Sie hat Verantwortung übernommen. Sie hat durchgehalten. Sie hat niemanden hängen lassen. Sie war die, die man anruft, wenn man nicht mehr weiterweiß – und die dann auch noch freundlich klingt, während sie innerlich schon den nächsten Termin sortiert.
Und trotzdem fühlt es sich an, als wäre sie in ihrem eigenen Leben nur noch die, die die Dinge am Laufen hält. Nicht kaputt. Nicht dramatisch. Nur abwesend. Wie eine Lampe, die noch leuchtet, aber nicht mehr wärmt.
In dieser Stille im Auto passiert nichts Spektakuläres. Kein großer Entschluss, kein Tränenausbruch. Nur ein leises Erkennen, das sich nicht mehr wegschieben lässt: So lange zu funktionieren hat einen Preis. Und sie hat ihn bezahlt, ohne es zu merken – in kleinen Münzen, jeden Tag. Ein bisschen Ruhe hier, ein bisschen Bedürfnis da, ein bisschen „später“ überall.
Sie sitzt da und spürt zum ersten Mal seit Langem nicht, was sie noch erledigen muss – sondern dass sie sich selbst vermisst.
Und dann kommt ein Satz, der sich anfühlt wie ein kleiner Spalt Licht: Vielleicht muss ich mich nicht reparieren. Vielleicht muss ich mich wiederfinden.
Manchmal beginnt die Reise zurück zum Menschsein nicht mit einem großen Umbruch, sondern mit einer ehrlichen Frage in einem stillen Moment. Mit dem Mut, überhaupt wieder hinzuhören, bevor man weiterläuft.
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Sei gespannt. Es kommt noch mehr
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